Bild: “Bitcoins.jpg” von Jorge Franganillo, Lizenz CC BY 2.0, Quelle: Wikimedia Commons
Der klassische 4-Jahres-Zyklus sagt: Nach jedem Halving folgt ein Bullenmarkt, dann ein brutaler Bärenmarkt – und der Boden liegt fast immer im gleichen Zeitfenster, rund 360 bis 410 Tage nach dem Allzeithoch. Nach diesem Muster müsste Bitcoin in den nächsten rund 90 Tagen seinen Boden finden, mit einer oft genannten Zielmarke von 40.000 US-Dollar. Nur: Der Markt hält sich gerade nicht ans Drehbuch.
Die Oktober-These: Woher die 40.000-Dollar-Marke kommt
Die Idee eines Bitcoin-Bodens im Oktober stützt sich auf ein historisches Muster: In allen bisherigen Zyklen fiel der Kurs nach dem Halving zunächst auf ein neues Allzeithoch, dann folgte ein herber Rückgang, dessen Tiefpunkt bislang immer im gleichen saisonalen Fenster rund um das vierte Quartal lag.
Die 40.000-Dollar-Marke selbst ist dabei keine harte, aus Daten abgeleitete Zahl, sondern eine psychologisch verankerte Schwelle, die viele Marktteilnehmer im Kopf haben. In den vergangenen drei Zyklen fiel Bitcoin vom Hoch aus um 85, 84 und 77 Prozent. Ein Rückgang auf 40.000 US-Dollar würde diesmal einem Drawdown von rund 68 Prozent entsprechen – was durchaus zum Muster passen würde, dass Bärenmärkte von Zyklus zu Zyklus milder ausfallen.
Was gegen das alte Drehbuch spricht
Während viele Marktteilnehmer auf genau diesen Herbst-Boden gewartet haben, hat Bitcoin etwas getan, das es in einem Bärenmarkt bislang noch nie gab: drei aufeinanderfolgende grüne Monate – Juli, August und September 2026. Zusätzlich hat der Kurs die 365-Tage-Linie zurückerobert, ein Signal, das laut Marktbeobachtern seit 2019 jeden nachfolgenden Bullenmarkt eingeläutet hat. Bei rund 90.000 US-Dollar notierte Bitcoin zuletzt nur noch etwa 30 Prozent unter seinem Allzeithoch, so Daten von Glassnode.
Diese Konstellation – drei grüne Monate plus Rückeroberung der langfristigen Trendlinie – gilt historisch eher als Signal für den Übergang in einen neuen Bullenmarkt als für die Phase kurz vor einem finalen Absturz. Ein letzter kurzer Bodentest ist damit zwar nicht ausgeschlossen, wird aber mit jeder weiteren Woche ohne großen Crash unwahrscheinlicher.
Warum die Zyklen schrumpfen
Ein oft übersehener Aspekt: Bitcoins Zyklen werden mit jeder Wiederholung schwächer. Vom Tief bis zum Hoch legte der Kurs im ersten beobachteten Zyklus um das 560-Fache zu, im zweiten um das 108-Fache, im dritten um das 21-Fache, im letzten Zyklus nur noch um etwa das 8-Fache.
Auch die Abstürze werden flacher: 86, 84, 77 und zuletzt 54 Prozent Drawdown, so Glassnode-Daten. Selbst die zeitliche Dauer der Zyklen komprimiert sich zunehmend. Der Grund: Je größer und reifer der Bitcoin-Markt wird und je mehr institutionelles Kapital über ETFs, Unternehmen und sogar Staaten einfließt, desto weniger Gewicht hat der ursprüngliche Halving-Effekt auf das Angebot.
Der eigentliche Treiber: Globale Liquidität statt Halving
Die gesamte Oktober-Boden-These hängt am 4-Jahres-Zyklus, und dieser wiederum am Halving-Mechanismus. Doch das Halving hat rechnerisch deutlich an Gewicht verloren: Die letzte Halbierung reduzierte das neue Bitcoin-Angebot um rund 40 Millionen US-Dollar pro Tag. Der Gesamtmarkt ist inzwischen jedoch Billionen US-Dollar schwer, und allein die Bitcoin-ETFs können an starken Handelstagen über 500 Millionen US-Dollar an Kapital aufnehmen – das Zwölffache des täglichen Angebotseffekts durch das Halving.
Der eigentliche Treiber ist nach dieser Lesart die globale Liquidität: Wann fließt billiges Geld ins System, und wann wird es wieder abgezogen? Die Korrelation zwischen der Geldmenge M2 und dem Bitcoin-Kurs war historisch immer hoch, und dieser Liquiditätszyklus verlief in den vergangenen Jahren nahezu deckungsgleich mit dem Halving-Zyklus – wodurch das Halving fälschlich die gesamte Aufmerksamkeit bekam, während im Hintergrund die Makro-Liquidität die eigentliche Arbeit leistete. Und diese Liquidität zieht aktuell wieder an.
Neue Faktoren, die der alte Zyklus nicht kennt
Der 4-Jahres-Zyklus in seiner klassischen Form berücksichtigt einige aktuelle Entwicklungen schlicht nicht: Das US-Finanzministerium dreht den Geldhahn mit milliardenschweren Treasury-Buybacks wieder auf, und die Renditen von US-Staatsanleihen steigen kräftig – die zehnjährige Rendite erreichte laut Kobeissi Letter den höchsten Stand seit 2007.
Genau in diesem Umfeld gewinnt das sogenannte Debasement-Narrativ an Zugkraft – die Sorge vor einer schleichenden Entwertung von Fiat-Geld. Diese Faktoren, nicht ein Kalenderblatt aus dem Jahr 2018, bewegen nach dieser Einschätzung den Markt derzeit wirklich.
Fazit: Muster statt Naturgesetz
Die 40.000-Dollar-Oktober-These bleibt auf dem Papier ein sauberes historisches Muster – passend zum 4-Jahres-Rhythmus früherer Zyklen. In der Marktrealität sprechen jedoch mehrere Faktoren aktuell dagegen: drei grüne Monate in Folge, die Rückeroberung der 365-Tage-Linie, ein deutlich geschwächter Halving-Effekt und eine anziehende globale Liquidität.
Wer den alten Zyklus unreflektiert als Blaupause für die Zukunft nimmt, läuft Gefahr, genau dann falschzuliegen, wenn es darauf ankommt. Bitcoin-Zyklen sind ein wiederkehrendes Muster, kein Naturgesetz – und in diesem Durchlauf reden deutlich mehr neue Kräfte mit als in den vorherigen drei.
