Wer mit mehreren KI-Coding-Agents gleichzeitig arbeitet – Claude Code hier, Codex dort, vielleicht noch ein opencode-Lauf im Hintergrund – kennt das Problem: Irgendwann sitzt man vor fünf Terminal-Tabs und weiß nicht mehr, welcher Agent gerade wartet, welcher noch rechnet und welcher längst fertig ist. Genau dieses Chaos adressiert Herdr UI, ein natives Desktop-Fenster für den Herdr-Daemon, über den wir bereits berichtet haben.
Was Herdr UI eigentlich ist
Wichtig zum Verständnis: Herdr UI ist nicht Herdr selbst. Herdr ist der Hintergrund-Server, der eure Terminal-Sessions, PTYs und Agenten-Prozesse am Leben hält – auch wenn ihr den Laptop zuklappt oder das Netzwerk wegbricht. Herdr UI ist bloß das Fenster, durch das man diesen Daemon betrachtet. Die Macher sagen es selbst ziemlich unmissverständlich: Die TUI (das Terminal-Interface) bleibt der Haupteingang, das grafische Fenster kommt bei Bedarf dazu. Wer schon mit herdr im Terminal arbeitet und zufrieden ist, verliert nichts, wenn er auf die UI verzichtet.
Technisch ist das Ganze in Rust geschrieben und nutzt GPUI (das UI-Toolkit, das auch hinter Zed steckt) für GPU-beschleunigtes Rendering. Das merkt man: Das Terminal-Rendering ist ungewöhnlich akribisch gemacht, bis hin zu pixelgenauer Behandlung von Box-Drawing-Zeichen und Prompt-Trennern, die gerade bei Terminal-Emulatoren gerne mal krumm aussehen.
Der eigentliche Mehrwert gegenüber der reinen TUI
Die Terminal-Variante von Herdr macht schon vieles richtig, aber ein paar Dinge gehen in einem reinen Terminal-Fenster einfach schwerer: Side-by-Side-Review mehrerer Agenten-Sessions, eine Geräte-Übersicht über mehrere angebundene Maschinen hinweg, und ein echtes “wer wartet gerade auf mich”-Signal. Herdr liest dafür jede Terminal-Pane aus und markiert sie als arbeitend, blockiert oder im Leerlauf – man muss also nicht mehr jedes einzelne Fenster durchklicken, um zu sehen, welcher Agent eine Antwort von einem braucht.
Praktisch heißt das: Man hat theoretisch drei Workspaces mit vier Agenten offen, ist aber an keinem davon aktiv angemeldet – trotzdem laufen alle weiter, weil sie im Daemon leben und nicht im UI-Fenster. Macht man das Fenster zu, läuft die Arbeit unbeeindruckt weiter. Das ist ein fundamental anderes Modell als “ein Terminal-Tab pro Agent”, wo ein geschlossenes Terminal auch den Prozess beendet.
Was mir auffällt
- Entwicklungstempo ist hoch, fast schon ungewöhnlich hoch. Im zugehörigen GitHub-Repo laufen täglich mehrere Commits ein, über 1.900 insgesamt, mit regelmäßigen Releases (das aktuelle war zum Zeitpunkt dieser Review nur wenige Stunden alt). Das ist einerseits ein gutes Zeichen für aktive Weiterentwicklung, andererseits ein Hinweis darauf, dass man als früher Nutzer öfter mal Updates einspielen muss, um auf dem aktuellen Stand zu bleiben.
- Plattform-Support ist nicht ganz gleichwertig. macOS wird offiziell unterstützt, Linux (x86_64/ARM64) läuft experimentell, Windows ebenfalls experimentell mit eingeschränktem Funktionsumfang. Wer auf Linux oder Windows arbeitet, sollte das vorher einkalkulieren und nicht den vollen macOS-Funktionsumfang erwarten.
- Setup-Reihenfolge ist wichtig. Herdr UI installiert oder aktualisiert den eigentlichen Herdr-Daemon nicht selbst – der muss zuerst separat über herdr.dev installiert werden. Wer das überspringt und direkt die UI installiert, landet vermutlich in einer verwirrenden Fehlermeldung.
- Open Source unter Apache-2.0, mit mittlerweile über 40 Mitwirkenden im Repository – kein Ein-Personen-Projekt mehr, auch wenn der Hauptautor (Fabien Penso) klar die Richtung vorgibt.
- SSH-Anbindung ist durchdacht, aber mit Voraussetzungen. Entfernte Maschinen lassen sich einbinden, allerdings nur mit bereits eingerichteter Non-Interactive-Authentifizierung und vertrauten Host-Keys. Wer MFA oder Passwort-Login auf dem Zielserver nutzt, muss vorher eine SSH-ControlMaster-Verbindung von Hand aufbauen – kein Showstopper, aber definitiv kein Zero-Config-Erlebnis für Einsteiger.
Für wen sich das lohnt
Herdr UI ist klar kein Tool für Leute, die nur gelegentlich mal einen einzelnen KI-Agenten anwerfen. Der Mehrwert entsteht erst, wenn man wirklich mehrere Agenten über mehrere Projekte oder sogar mehrere Maschinen hinweg parallel laufen lässt und den Überblick sonst verlieren würde. Für genau dieses Szenario – Claude Code, Codex, opencode und Co. als dauerhaft laufende “Herde” statt als einzelne Terminal-Sessions – ist der Ansatz, Dispatch, Review und Status in ein natives Fenster zu packen, ziemlich sinnvoll gelöst.
Wer dagegen schon zufrieden mit der reinen Terminal-Oberfläche von Herdr arbeitet, muss sich nicht gedrängt fühlen umzusteigen – die Macher betonen das selbst: Es ist ein Zusatz, kein Ersatz.


